Europäische Lohnkoordinierung oder nationale Währungen – entscheidet euch!

Mit der Auflösung der nationalen Währungen und Einführung des Euro hat man bewusst Markt-mechanismen außer Kraft gesetzt. Die Ausgleichsfunktion nationaler Währungen im Bezug auf sich unterschiedlich entwickelnde Volkswirtschaften wurde ausgeschalten. Weniger Markt erfordert mehr Staat, doch ist dieses „Mehr“ an Staat zurzeit erkenntlich?

Schon 1988 hat Fritz W. Scharpf (Danke für den Hinweis an Matthias Garscha), emeritierter Direktor des Max-Planck Instituts für Gesellschaftsforschung in seinem Aufsatz „Weltweite, europäische oder nationale Optionen der Vollbeschäftigungspolitik?“ vor einer einheitlichen Währung und ausbleibender Koordination gewarnt . Mit dem Hinweis auf die völlig unterschiedlichen Ziele und Verhandlungsstärken der nationalen Gewerkschaften konstatiert er:

Das Ergebnis waren bisher unterschiedliche Steigerungsraten der nominalen Lohnstückkosten, deren Wirkung auf die internationale Wettbewerbsfähigkeit mancher Länder verheerend gewesen wäre, wenn sie nicht durch die(auch innerhalb des Europäischen Währungssystems bisher möglichen) Anpassungen der Wechselkurse immer wieder ausgeglichen worden wäre. Wenn sich – unter sonst gleichen Umständen – die Wechselkurse in Europaseit 1970 oder auch nur seit 1982 nicht hätten ändern können, hätten die Bundesrepublik und die Niederlande die übrigen Länder vom Markt gefegt.

Aufgrund dessen prognostizierte er die düstere Aussicht:

Solange die industriellen Beziehungen in der Bundesrepublik so viel weniger Inflationsdruck erzeugen als die der meisten Partnerländer, wäre der vollintegrierte Binnenmarkt mit einer einheitlichen Geld- und Währungspolitik aus der Sicht der schwächeren Länder das perfekte Instrument des deutschen Wirtschaftsimperialismus.

Das fatale dabei ist, dass genau dies eingetreten ist, ähnlich wie Flassbeck es 1999 im  Jahreswirtschaftsbericht der Bundesregierung beschrieben hat.  Weshalb die Politik solche warnenden Stimmen ignorierte, entzieht sich meiner Kenntnis.

Die Frage ist nun, wie aktuell das Problem der divergierenden Lohnstückkosten angegangen wird. In südlichen Ländern werden Lohnsenkungen zur Korrektur vorgenommen, in Deutschland hingegen moderate Lohnsteigerungen; relativ gesehen die richtige Tendenz. Doch machen Lohnsenkungen in einem privat überschuldeten Umfeld Sinn? Irving Fisher (1933) prägte in seiner Untersuchung der damaligen großen Depression den Begriff der „Debt Deflation“. Diese Theorie besagt, dass private Haushalte ihre Verschuldung durch ein abnehmendes Preisniveau noch schwieriger zurückführen können und somit die Einnahmen der Unternehmen durch niedrigere Konsumausgaben absinken, was zusätzliche Entlassungen und weitere Einkommens- und Kreditausfälle mit sich zieht. Die steigenden Kreditausfälle führen außerdem zu vermehrten Bankenpleiten was die Kreditversorgung der Volkswirtschaft einschränkt, somit ein keinesfalls wünschenswerter Teufelskreis. Angewandt auf den Fall Spanien wäre also ein inflatorisches Umfeld besser geeignet als ein deflatorisches, um die durch Strukturmaßnahmen zusätzlich strapazierte Arbeitsmarktsituation zu entspannen.

Eine bessere Lösung wären daher außerordentliche nominelle Lohnerhöhungen in den starken Ländern und stagnierende Löhne in den schwachen Volkswirtschaften. Um jedoch die Wettbewerbsfähigkeit des Euroraumes zum Ausland hin aufrechtzuerhalten, müsste eine Abwertung seitens der EZB vorgenommen werden. Damit könnte man die relativen Divergenzen innerhalb des Euroraumes auflösen – bei Beibehaltung der Wettbewerbsfähigkeit zum Rest der Welt. Letztlich profitieren auch die Gläubiger, also die größtenteils nördlichen Staaten von solch einer Maßnahme, denn die Schuldner (südliche Länder) können ihre Überschuldung nur bei wirtschaftlicher Stärke zurückführen.

Doch dazu bräuchte es den politischen Willen und auch die Einsicht Deutschlands, dass wir nicht einseitig die Reformen auf die Südländer abwälzen können. Normalerweise hätte Deutschland dieses Jahr durch das neue makroökonomische Frühwarnsystem der EU Kommission Reformen einleiten müssen, da es den Schwellwert des Leistungsbilanzüberschusses von 6% übertraf, durchgesetzt hatten sich die EU Beamten jedoch nicht. Man sieht also, dass die besten Analysen, Gesetze und Regeln nichts nutzen, wenn der politische Wille nicht vorhanden ist.

Die Nationen Europas müssen sich fragen, ob sie endlich kooperieren wollen oder weiterhin auf nationale Eigeninteressen blicken. Der Euro kann nur mit Kooperation überleben, ansonsten werden die ökonomischen Fakten den Euro zerreißen.

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PS: Das Wahlergebnis in Italien macht die politische Lage nicht leichter, vorallem wenn man auf deren Lohnstückkostenentwicklung der letzten zehn Jahre blickt. Italien ist immernoch oberhalb der Zielinflation von 2% pa. Wer die grundlegende Bedeutung der Lohnstückkosten noch nicht kennt, sollte sich einen Vortrag von Flassbeck ansehn. http://youtu.be/2AQxCKIuCHY (die erste Stunde) wobei ich denke dass er zu optimistisch ist bezüglich der Wettbewerbssituation nach einer solchen nominellen Aufwertung…ich präferiere im Gegenzug die parallele Abwertung durch die EZB, sodass sich die Weltmarktposition der Eurozone zum Ausland hin nicht verschlechtert

Lohnstückkostenentwicklung ausgewählter Länder

Lohnstückkostenentwicklung ausgewählter Länder

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Ein Gedanke zu „Europäische Lohnkoordinierung oder nationale Währungen – entscheidet euch!

  1. Export(überschuss)steuer an Grundeinkommen – fertig ist die europäische Lohnkoordinierung, die ja ansonsten eh nicht in staatlichen Händen liegt.

    Aber da hört es ja bei einem Flassbeck auf, der sich nunmal gegen ein BGE positioniert hat. Dabei kann man ein BGE nur bewerten, wenn man Höhe und Finanzierung definiert. Ein kleines BGE aus Besteuerung von Großhortern und Exportüberschüssen müßte eigentlich auch ihm gefallen.

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